raggam_photography_Diskussionsabend im Kunsthaus Graz

Im futuristischen Space 04 des Grazer Kunsthauses ist eine neugierige Aufregung des Publikums in der Luft deutlich spürbar, denn gleich wird Bascha Mika, renommierte Journalistin und Publizistin zum Thema „Das tägliche Paradox – Frauen zwischen Benachteiligung und Eigenverantwortung“ vortragen.

Die sanfte Feministin

Assistenzprofessor Johannes Gießauf (Karl-Franzens-Universität Graz) versteht es, als schlagfertiger Moderator („Frau Mika hat mich zum Sticheln aufgefordert“) zwischen Publikum und seinem prominenten Podiumsgast zu vermitteln. Mit einer Prise humorvollen steirischen Akzents und etwas Sarkasmus schafft er immer wieder die Stimmung aufzulockern und das Tempo des Diskussionsabends zu steuern. Und seine Krawatte im modifiziert steirischen Knallgrün wird zum Eyecatcher des Abends.

 

Mit Gießauf liefert Bascha Mika ein geistreiches und streckenweise (selbst-)kritisches Gespräch. Je länger Mika spricht, desto deutlicher wird es, dass sie keineswegs dem gängigen Bild einer verbitterten, anti-weiblichen Feministin entspricht. Ihre teilweise provokanten Formulierungen verlieren an kantiger Schärfe durch ihre weiche Stimme, die irgendwo zwischen Mezzosopran und Alt angesiedelt ist, gewinnen aber durch ihr selbstbewusstes und gleichzeitig sanftes Auftreten an überzeugender Kraft. Aus ihr sprudelt eine energische und ansteckende Vitalität, die sofort auf das Publikum überspringt. Ihr entwaffnendes, ja fast mädchenhaftes Lächeln lässt einen fast vergessen, dass eben sie die Verfasserin der Bestseller-Streitschrift mit dem programmatischen und kämpferischen Titel „Die Feigheit der Frauen“ ist, mit der sie kontroverse Diskussionen ausgelöst hat. Sie selbst nennt ihre für Fufore gesorgte Publikation "ein Mutmachbuch und kein Ratgeberbuch".

Cafe-Macchiato-Mütter im urbanen Raum

Ist Selbstverwirklichung machbar? Wie sieht das Selbstverständnis der Frauen aus? Ihre Lebensentwürfe? Ihr Verlangen nach Selbstbestimmung? Ihr Handeln im Alltag? Wie geht es Frauen, die im täglichen Paradox stecken, zwischen Benachteiligung und Eigenverantwortung pendeln? Das sind die Fragenstellungen, die Mika sich und ihrem Publikum stellt. Mika betont, dass es ihr dabei nicht um die Frauen geht, die keinen Anspruch auf Eigenständigkeit erheben, und „sich auf ein behütetes Leben mit dem männlichen Versorger freuten“. Es gehe ihr vielmehr und ausschließlich um Frauen, die eine solide (akademische) Ausbildung erfolgreich absolvierten, einst Selbstbestimmung und Unabhängigkeit groß auf ihrer Wunschliste hatten und dennoch im Laufe ihres Lebens „der Verführungskraft traditioneller Rollen anfällig“ wurden. „Mir geht es um diese Cafe-Macchiato-Mütter im urbanen Raum“, sagt sie mit ihrer unaufgeregt weich-angenehmen Stimme. Mika ist der Ansicht, es gebe in Geschlechterfragen keine saubere Trennung zwischen Tätern und Opfern. Sie fordert das Publikum zum Erkennen der Eigenverantwortung in Geschlechterfragen auf. „Wir nützen das System als Ausrede, um nicht auf uns schauen zu müssen“, bringt sie es auf den Punkt.

Die Besucher und Besucherinnen, etwa im Alter von 20 bis 65 Jahren und äußerst durchmischt (werdende und junge Mütter, Studenten, Studentinnen, Erwebstätige, Hausfrauen, Pensionisten, Pensionistinnen etc.), lauschen ihren Worten mit ernster Aufmerksamkeit. Auch Elke Lujanskz-Lammer, Gleichbehandlungsanwältin und Leiterin des Regionalbüros der Gleichbehandlungsanwaltschaft Österreich, ist unter dem interessierten Publikum. Gemeinsam mit ihrem souveränen Moderator Gießauf gelingt Mika, ihr Publikum aus der Reserve zu locken und zu einer ausgedeten angeregten Diskussion bzw. einem ehrlichen und emotionalen Gedankensaustausch zu motivieren.

Wollen Sie wissen, was das Publikum vom Diskussionsabend mit Bascha Mika gedanklich mitgenommen hat? Hier geht es zu Video-Statements der Besucher und Besucherinnen.

HIER geht's zum Interview mit Bascha Mika!

Literaturtipps

„Die Feigheit der Frauen: Rollenfallen und Geiselmentalität. – Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug“ (Taschenbuch-Ausgabe 2012)

„Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie.“ (1999)

 

 

Begleitung des Diskussionsabends: Blogteam Schubidu Quartett

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Comments
  • Ed
    1686 Tagen ago - Antworten

    Sie ist auf alle Fälle eine intellektuell interessante Frau und Journalistin. Sie polarisiert, zeigt aber gleichzeitig ganz unverblümt Probeleme unserer GEsellschaft auf! An ihren Aussagen ist sicher was Wahres dran. Aber es bereitet mir Unbehagen, wenn sie “Machiatto-Mutter” sagt, das hört sich richtig spöttisch an!

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